Mythologie der Welt

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CHINESEN: Hòuyì schießt die Sonnen ab

HouYi

Vor undenklichen Zeiten gebar die Sonnengöttin Xīhé dem Gott des östlichen Meeres, Dìjùn, zehn Söhne. Gemeinsam lebten die Sonnenkinder weit östlich des Meeres in einem großen Teich. Jeden Tag badeten und spielten sie in diesem Teich, so dass sein Wasser zu allen Jahreszeiten siedend heiß war. Mitten in diesem Teich wuchs ein gewaltiger, riesengroßer Maulbeerbaum, der Fúsāng genannt wurde. In seinen zehn großen Astgabeln ruhten sich die zehn Sonnen täglich aufs Neue aus. Doch selbst wenn es den Anschein hatte, führten die Sonnenbrüder trotzdem kein müßiges Leben. Der Himmelskaiser hatte ihnen die Aufgabe zugewiesen, den Menschen Licht und Wärme zu bringen. Jeden Tag früh am Morgen sollte einer von ihnen im Osten aufbrechen, am weiten Himmel seine Bahn ziehen und im Westen endlich wieder niedergehen. So war jeder der Sonnenbrüder nur alle zehn Tage an der Reihe, die Welt zu bescheinen. Nach einiger Zeit jedoch waren die Brüder damit unzufrieden. Wie belanglos war der Teich und wie unterhaltsam dagegen die Menschenwelt. Und immer mussten sie neun Tage warten, bis sie wieder an der Reihe waren, die abwechslungsreiche und wunderbare Welt von oben zu betrachten.

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Eines Tages setzten sich die zehn Sonnenbrüder zusammen und unterhielten sich über ihren Unmut. Sie klagten sich gegenseitig ihr Leid wie öde ihr Leben und wie ungerecht es vom Himmelskaiser sei, dass sie nicht alle jeden Tag durch die interessante Menschenwelt streifen durften. Zwar äußerten einige der Brüder durchaus Verständnis, war ihnen doch bewusst, dass, wenn sie alle zusammen scheinen würden, sich zu viel Hitze über die Erde verbreiten würde. Gleichwohl blieben sie begierig nach mehr Abwechslung. Und so entschieden sie, dass sie sich am nächsten Tag gemeinsam auf den Weg machen und ihre Bahnen über den Himmel ziehen würden, damit jeder von ihnen uneingeschränkt die Schönheiten der Welt genießen könnte. Sie missachteten den Befehl des Himmelskaisers, um ihrem eitlen Vergnügen nachzugehen. Anderntags brannten alle zehn Sonnen vom Firmament herab, verbreiteten ein gleißendes Licht und eine gewaltige Hitze. Überall, in jeden Winkel, drangen die Strahlen der zehn Sonnen, und es blieb kein noch so winziges Fleckchen von ihnen verschont. Die Erde wurde versengt und trocknete mehr und mehr aus. Immer heißer wurde es, und alle Pflanzen, wild wachsenden und mühsam angebauten Feldfrüchte verdorrten in der sengenden Glut. Die Menschen litten unsäglich und flohen in die Berge, um dort in tiefen Höhlen Zuflucht zu suchen und Kühlung zu finden.

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Als dieses schreckliche Ereignis stattfand, regierte der gütige Kaiser Yáo das Land. Er wohnte bescheiden in einer einfachen Strohhütte und ernährte sich von Wurzeln, Kräutern und Reis. All seine Energie richtete er auf das Wohlergehen des Landes und seiner Bewohner. Angesichts der Dürre und des Leides der Menschen befiel ihn Verzweiflung und Trauer. Er bat die Sonnen inständig, sich doch wieder zurückzuziehen und nur einzeln, jede für sich, zu scheinen. Doch vergebens. Die egoistischen Brüder ignorierten seine flehentliche Bitte und brannten immer weiter und ohne Unterlass vom Himmel. Sie hatten auch noch größten Spaß daran, sich im Spiel gegenseitig über den Himmel zu jagen.

EmperorYao
堯:五帝的第四
Kaiser Yáo: der vierte der Fünf Kaiser

Kaiser Yáo sah keine andere Möglichkeit, als sich an den Himmelskaiser persönlich zu wenden und ihn um Hilfe zu bitten. Als dieser hörte, dass sich die Brüder seinem Befehl widersetzt hatten und am Himmel zum Leidwesen der Menschen ihr Unwesen trieben, geriet er in großen Zorn. Er rief den Himmlischen Bogenschützen, Hòuyì, zu sich und überreichte ihm einen roten Bogen sowie zehn weiße Pfeile. Damit trug er ihm auf, die ungehorsamen Sonnen unnachgiebig zu bestrafen.

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Schon bald hatte Hòuyì die erste der Sonnen abgeschossen. Die anderen neun flohen in Panik, doch es sollte ihnen nichts nützen. Treffsicher brachte Hòuyì nach und nach acht weitere Sonnen zum Absturz. Der Legende nach lebten in der Brust der Sonnenbrüder die dreibeinigen Sonnenraben. Diese Raben stürzten zusammen mit den getroffenen Sonnen auf die Erde und leben seither in der Menschenwelt.

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Als nur noch eine Sonne am Himmel übrig blieb, griff Kaiser Yáo ein und bremste den himmlischen Bogenschützen. „Hör auf“, sagte er zu ihm. „Eine Sonne ist für uns Menschen von großem Nutzen. Nur wenn es zu viele sind, verbreiten sie Unheil. Die eine, die noch übrig ist, sollten wir behalten.“ Hòuyì nickte zustimmend und steckte den zehnten Pfeil weg. Die letzte Sonne war vor Schreck ganz bleich geworden. Auf der Erde herrschten fortan wieder angenehme Temperaturen. Die Menschen verließen ihre Höhlen in den Bergen und kehrten wieder auf die Felder zurück.

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Die Furcht in den Herzen der Menschen vor neuem Übel war jedoch nicht völlig überwunden, und daher baten sie Hòuyì, doch noch eine Weile bei ihnen zu bleiben. Denn längst nicht alle Gefahren und Plagen in der Welt waren beseitigt. Es war nämlich gerade die Zeit, in der die wilden Tiere und Ungeheuer die Wälder verließen und die Menschen bedrohten. Nach einigem Zögern erklärte sich der himmlische Bogenschütze schließlich bereit, noch eine Zeit lang bei den Menschen auf der Erde zu verweilen.

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Und tatsächlich, schon bald nahte neues Unglück. Der Wassergott Hébō lebte in der Gestalt eines weißen Drachen in allen Gewässern. Wohin er sich auch begab, verursachte er alsbald Überschwemmungen und damit viel Not und großes Elend. Als Kaiser Yáo dies zu Ohren kam, bat er den Bogenschützen, auch dieses Unheil abzuwenden. Hòuyì machte sich ohne zu zögern ans Werk und besiegte den Unhold. Noch für lange Zeit wanderte Hòuyì durch die Welt und bezwang die Feinde der Menschen, damit diese sicher und in Ruhe leben konnten.