Mythologie der Welt

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Einst gab es eine Zeit, da alles nicht war. Nicht Erde und Meer noch der Himmel darüber mit seinen unzähligen Sternen. Da war nichts als ein ungeheurer finsterer Abgrund: Ginnungagap, die gähnende, lautlose, tote Kluft. Aber in dem grenzenlosen, schweigenden All lebte Fimbultyr, der geheimnisvolle, große und allmächtige Weltgeist, den nie ein Auge gesehen. Allvater ist’s, der Starke droben, der alles lenkt und ewige Satzung verordnet. Und nach seinem Willen entstand im hohen kahlen Norden das finstere Nebelreich Niflheim und fern im Süden Muspelheim, das Reich der Glut, des Feuers.

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Und ein Brunnen entsprang im urkalten Niflheim: Hvergelmir, der brausende Kessel. Aus seiner Tiefe brachen zwölf Ströme hervor, die sich mit donnerndem Rauschen in den unermesslichen Abgrund stürzten. Diese Fluten erstarrten in der grausigen Kälte Ginnungagaps zu Eis. Eisschicht schob sich über Eisschicht, und im Laufe vieler Jahrtausende füllten die stetig wachsenden Massen einen Teil des gähnenden Schlundes.

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Indes zischte und blitzte es in Muspelheim von umherstiebenden Feuerfunken. Aus tausend Essen sprühte und leuchtete die rote Glut, und die Hitze war so groß, dass nur einer sie zu ertragen vermochte: Surtr, der Herr des Flammenreiches Muspelheim. Auf sein flammendes Schwert gestützt, saß er auf einem Felsblock und beobachtete,  wie seine Funken von seinen Essen über den gähnenden Abgrund nach Niflheim hinüberflogen, um dort eine neue Welt voll großen, reichen Lebens zu schaffen.

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Die Feuerfunken vermischten sich mit den Wassertropfen aus dem Urweltbrunnen, und es begann zu zischen, zu dampfen und zu wallen auf den Eismassen. Und siehe: aus der kreisenden Gärung entstand ein lebendes Wesen, der Reifriese Ymir. Und ein zweites Lebewesen entstand: die Kuh Audhumbla, die Schatzreiche. Vier Milchströme flossen aus ihrem Euter, die Ymir zur Nahrung dienten und ihm ungeheure Kraft verliehen.

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Eines Tages schlief Ymir, nachdem er sich satt getrunken, und unter seinem einen Arm erwuchs ihm ein Sohn, unter dem anderen eine Tochter.  Diesen beiden entstammt das Geschlecht der Hrímthursar, der Reifriesen.

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Die Kuh Audhumbla leckte an den salzigen Eisblöcken, bis unter ihrer Zunge am dritten Tage ein Mann aus dem Block hervorkam, der war groß, stark und schön. Er nannte sich Búri und schuf aus eigener Kraft einen Sohn, des Name Borr war. Borr hinwiederum zeugte drei Söhne: Odin, Hönir und Loki; die waren mit göttlicher Kraft und Schönheit begabt.

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Die drei göttlichen Brüder zogen aus zum Kampfe gegen die Riesen aus Ymirs Geschlecht, mit ihnen um die Herrschaft zu kämpfen. Sie erschlugen Ymir, den Brüller, im Streite, und aus seinen Wunden ergossen sich so mächtige Blutströme, dass alle seine Nachkommen bis auf zwei darin ertranken. Die beiden aber retteten sich in einem Boot und wurden die Ahnen der späteren Riesengeschlechter.

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Als sich die Flut verlaufen hatte, nahmen die drei göttlichen Brüder den Körper Ymirs, warfen ihn zwischen Niflheim und Muspelheim in den gähnenden Abgrund und schufen aus ihm die neue Welt. Aus seinem Fleisch wurde die Erde geschaffen, aus dem Blute das Meer, und aus den Zähnen die Steine, aus den Haaren Bäume und Sträucher, aus dem Schädel die Wölbung des Himmels und aus dem Hirn die wallenden Wolken. Aus den Augenbrauen errichteten sie einen festen Wall gegen das Meer und schieden so Land und Wasser voneinander.

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Die Erde war trocken, und das Meer umfloss sie rings. An der jenseitigen Küste und auf den Inseln des Nordens siedelten sich die Riesen an, die erhöhte Mitte aber wurde Midgard benannt und sollte die Heimstätte der Menschen werden. So hatten sich Odin, Hönir und Loki die Herrschaft der Welt errungen, und sie nannten sich hinfort die Asen, Säulen der Welt; fortan wohnten sie in Asgard.

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ANMERKUNG:
In anderen Versionen sind Borrs drei Söhne nicht Odin, Hönir und Loki, sondern Odin, Vili und Vé, die er mit der Riesin Bestla zeugt.

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